Ringen ist vermutlich die am weitesten verbreitete Sportart der Menschheitsgeschichte. Nahezu jede Kultur hat eine eigene Form des Zweikampfs ohne Waffen und ohne Schläge hervorgebracht, und ein erheblicher Teil dieser Formen wird bis heute im Wettkampf betrieben. Das olympische Ringen ist dabei nicht der Ursprung, sondern eine von vielen Linien – diejenige, die sich im späten neunzehnten Jahrhundert international vereinheitlichen ließ.
Sumo: der Ringsport aus Japan
Der bekannteste Ringsport aus Japan ist Sumo. Gekämpft wird in einem kreisrunden Ring aus gepresstem Lehm, dem Dohyō, mit einem Durchmesser von 4,55 Metern. Der Kampf endet, sobald ein Ringer den Ring verlässt oder mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen den Boden berührt. Beides geschieht häufig innerhalb weniger Sekunden.
Sumo ist nicht olympisch und war es nie. Die Frage, ob Sumo olympisch ist, taucht regelmäßig auf, weil der Sport international bekannt ist und seit 1992 einen Weltverband hat. Gegen eine Aufnahme sprechen die fehlende weltweite Verbreitung im Wettkampfbetrieb, die enge Bindung an religiöse und zeremonielle Elemente und der Umstand, dass der professionelle Sumo in Japan einer eigenen Organisation untersteht, die nicht Teil der internationalen Verbandsstruktur ist.
Glíma: der Ringkampf Islands
Glíma wird in Island seit der Wikingerzeit betrieben und ist dort Nationalsport. Die Wettkampfform Brókartök arbeitet mit einem Gurtsystem: Beide Ringer fassen an Gürteln um Hüfte und Oberschenkel und lassen diesen Griff während des gesamten Kampfes nicht los. Gerungen wird im Stand, in aufrechter Haltung und in ständiger Drehbewegung; wer mit einem anderen Körperteil als den Füßen den Boden berührt, hat verloren.
Charakteristisch ist eine Regel, die den Sport von fast allen anderen unterscheidet: Ein Ringer darf seinen Gegner nicht zu Boden reißen und dabei selbst mitfallen. Der Sieg zählt nur, wenn der Werfende stehen bleibt.
Ssireum: Korea
Ssireum wird in Korea auf Sand ausgetragen, in einem kreisförmigen Feld. Beide Ringer knien zu Beginn einander gegenüber und fassen an einem Stoffband, dem Satba, das um Hüfte und Oberschenkel gebunden ist. Erst aus dieser festgelegten Ausgangsposition beginnt der Kampf. Wie im Glíma entscheidet die erste Bodenberührung oberhalb des Knies.
Nord- und Südkorea hatten ursprünglich getrennte Bewerbungen eingereicht. Auf Anregung der UNESCO wurden sie zusammengeführt, und im November 2018 erfolgte die Eintragung unter dem Namen „Traditional Korean Wrestling (Ssirum/Ssireum)” – die erste gemeinsame Aufnahme beider Staaten in die Liste des immateriellen Kulturerbes überhaupt.
Bökh: die Mongolei
Bökh ist Teil des Naadam-Festes und wird ohne Gewichtsklassen und ohne Zeitlimit ausgetragen. Das Turnier läuft im K.-o.-System, die Paarungen werden nicht ausgelost, sondern zugeteilt. Verloren hat, wer mit Rücken, Knie oder Ellbogen den Boden berührt.
Dass es keine Gewichtsklassen gibt, hat Folgen für den Sport: Körpergröße und Masse sind ein unmittelbarer Vorteil, und die Zahl der Teilnehmer eines Turniers ist auf Zweierpotenzen festgelegt, damit das System aufgeht. Mehrere mongolische Ringer haben später im Sumo in Japan Spitzenränge erreicht.
Was die Formen gemeinsam haben – und was nicht
Drei Elemente kehren fast überall wieder: kein Schlagen, keine Waffen, und eine Siegbedingung, die an eine definierte Körperposition gebunden ist. Darüber hinaus gehen die Regelwerke weit auseinander. Ob der Bodenkampf fortgesetzt wird oder den Kampf beendet, ob ein fester Griff vorgeschrieben oder freies Fassen erlaubt ist, ob auf Matte, Sand, Lehm oder Rasen gerungen wird – all das unterscheidet sich grundlegend.
Deshalb ist die Vorstellung irreführend, es gebe ein „Ringen” mit regionalen Abwandlungen. Das olympische Ringen mit seinen beiden Stilen Freistil und griechisch-römisch ist ein eigenes, im internationalen Verband vereinheitlichtes Regelwerk. Yağlı güreş in der Türkei, Sumo, Glíma, Ssireum und Bökh stehen daneben, nicht darunter. Ein Ringer, der in einem dieser Systeme erfolgreich ist, muss in einem anderen praktisch neu anfangen – die Grundfähigkeiten Gleichgewicht, Druckgefühl und Timing übertragen sich, die Techniken nicht.
Warum sich nur eine Form durchgesetzt hat
Dass ausgerechnet Freistil und griechisch-römisch olympisch wurden, hat weniger mit sportlicher Qualität zu tun als mit Organisationsgeschichte. Beide Stile entstanden im neunzehnten Jahrhundert in Europa in einem Umfeld, in dem Sportverbände, einheitliche Regelbücher und internationale Turniere gerade erfunden wurden. Als 1896 die ersten modernen Olympischen Spiele stattfanden, existierte damit ein Ringkampf, der sich zwischen Nationen überhaupt vergleichen ließ.
Die traditionellen Formen hatten diesen Schritt nicht gemacht, und die meisten von ihnen haben ihn bis heute bewusst nicht gemacht. Ihre Regeln sind an einen Ort, ein Fest und einen Jahreszeitpunkt gebunden. Eine Vereinheitlichung würde genau das auflösen, was sie ausmacht – und das ist der Grund, warum mehrere von ihnen den Weg über die UNESCO statt über das Internationale Olympische Komitee gegangen sind.
Häufige Fragen
Was ist Sumo?
Die japanische Ringkampfform, ausgetragen in einem Kreis: Wer den Kreis verlässt oder mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen den Boden berührt, hat verloren. Die Kämpfe dauern oft nur Sekunden.
Was ist Glíma?
Der isländische Ringkampf, bei dem die Gegner an Gürteln gefasst bleiben und aufrecht stehend arbeiten. Charakteristisch ist, dass beide Ringer sich umeinander bewegen, statt den Griff zu suchen.
Was unterscheidet Ssireum und Bökh?
Ssireum aus Korea wird im Sandkreis mit einem Gürtel am Körper gerungen; Bökh aus der Mongolei ist ein Ringkampf ohne feste Fläche, bei dem jede Bodenberührung über den Fuß hinaus den Kampf beendet.
Was haben diese Formen gemeinsam?
Das Grundprinzip: den Gegner ohne Schläge aus dem Gleichgewicht bringen. Unterschiedlich sind Fläche, Griffregeln, Kleidung und die Frage, was als Niederlage gilt.
Warum ist nur eine Form olympisch geworden?
Weil sich eine international einheitliche Regelfassung durchsetzen musste. Die traditionellen Formen sind eng an Ort, Fest und Kultur gebunden und lassen sich nicht ohne Verlust vereinheitlichen.